19 Sep Formen der Selbstbegegnung
Der Blick ins eigene Gesicht – Spiegelporträts sind eine besondere Form der Begegnung: man schaut sich selbst in die Augen, betrachtet kein Foto, sondern zeichnet im Zwischenraum von zwei Augenpaaren. Sich dem anderen Augenpaar, dem Gesicht im Spiegel, anzunähern, bedeutet unmittelbare Konfrontation: ich schaue mich an, während ich zeichne, schaue wieder hin, zeichne weiter. Die Hand folgt dem Blick und der Blick wieder der Hand. Eine andere Form der Autoethnographie: nicht mit Worten, sondern mit Linien und Schatten, Weiß- und Schwarzräumen und den Bereichen dazwischen.

I – 18.09.25
Parallel dazu entstehen Texte über biographische Erinnerungen in der dritten Person: nicht “ich war”, sondern “sie war”. Autoethnographie ist eine Form der Selbstforschung, bei der die eigene Erfahrung zum Untersuchungsgegenstand wird. Diese Verschiebung in die dritte Person schafft einen analytischen Abstand, der neue Sichtweisen ermöglicht. Vielleicht einige blinde Flecken zu beleuchten vermag, die in der Selbstbetrachtung übersehen werden.
Während des Schreibens entstehen kleine Pausen – Momente, in denen ich bemerke: Das macht etwas mit mir. Diese Zwischenreflexionen werden zu eigenständigen Textbausteinen und Meta-Ebenen der Selbstbeobachtung. Das Schreiben über sich selbst als Auslöser für weitere Erkenntnisräume; ein Kreislauf aus Erinnern, Niederschreiben, Reflektieren und wieder Erinnern. Hier setzen die Spiegelporträts als zusätzliche Forschungsebene an. Regina Dürig beschreibt in ihrer Arbeit zum literarischen Schreiben, wie Irritation zum Ausgangspunkt künstlerischer Forschung wird:
“Es kann eine Erleuchtung oder ein Moment von winziger Irritation sein, die mich dazu bringen, mich selbst oder die Welt, wie ich sie sehe, infrage zu stellen. Indem ich mich diesem Moment, in dem die Gewissheit Risse bekommt, schreibend nähere, kann ich in der Sprache einen Ausdruck finden für das, was zwar spürbar, aber nicht zeigbar außerhalb meiner Erfahrung, meines Körpers vorhanden ist” (Dürig 2020),
Meine Frage ist: kann auch die Zeichnung zum Werkzeug der Zerrüttung werden? Der Blick in den Spiegel als Chance einer Irritation: Wer ist das? Was sehe ich? Welche Emotion entsteht gerade in diesem Moment des Sehens und Gesehenwerdens? Dabei merke ich immer wieder: für solche Tauchgänge ins Unbekannte braucht es den richtigen Rahmen: externe Orte, die allein für meine “Expeditionen” gedacht sind. “Räumliche Rahmungen reduzieren die Einflussgrößen und führen zu einer Verdichtung und Vertiefung des künstlerischen Prozesses” (vgl. Hopf/Collagewirkt 2021). Der haltende Rahmen, wie er in der Kunsttherapie verstanden wird, schafft einen geschützten Raum für emotionale und kreative Prozesse. An einem externen Ort, der nur für diese Arbeit reserviert ist, kann ich eintauchen – und später besser wieder auftauchen; die Inhalte sind leichter „zu halten“, weil sie an einem spezifischen Ort verankert sind.
Die Spiegelporträts sollen eine zusätzliche Ebene sichtbar machen: die Emotion, die entsteht, während ich mich im Forschungsprozess befinde. Nicht nur die Zeichnung eines Gesichts, sondern des inneren Zustands, der beim Schauen und Zeichnen entsteht. In Dürigs Sinne wird hier das Spiegelporträt zu einem “Werkzeug der Zerrüttung” – es irritiert gewohnte Selbstbilder, bringt die scheinbare Stabilität des eigenen Gesichts ins Wanken. Jeder Strich kann zur Infragestellung werden: Sehe ich so aus? Fühle ich mich so? Was zerrüttet dieses intensive Sich-selbst-Anschauen in mir?
Letztlich ist das, was entsteht, Teil eines kunsttherapeutischen Prozesses – nur dass ich gleichzeitig Klientin und Forscherin bin. Die Methoden der Autoethnographie verbinden sich mit den Erkenntnissen der künstlerischen Forschung, wie sie an der HfBK Dresden entwickelt werden. Hier wird das Zeichnen vor dem Spiegel zu einem ähnlichen Erkenntnisprozess – einem Forschen mit den Mitteln der Kunst und der Versuch, das Unaussprechliche durch Irritation und Zerrüttung tastbar zu machen.