Baumrinde, die Geschichte erzählt - FLAUMRAUM
544
wp-singular,post-template-default,single,single-post,postid-544,single-format-standard,wp-theme-bridge,bridge-core-2.8.8,cookies-not-set,qode-page-transition-enabled,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,qode_grid_1300,footer_responsive_adv,qode-content-sidebar-responsive,qode-theme-ver-27.2,qode-theme-bridge,qode_header_in_grid,wpb-js-composer js-comp-ver-6.7.0,vc_responsive

Baumrinde, die Geschichte erzählt

Die Straße nach Hohenjesar, der Stadtteil von Zeschdorf, der jenseits des Wassers liegt, wird gesäumt von alten, dickstämmigen Eichen. Deren Rinde ist bereits so alt, dass sie fingerbreite Kerben bildet. Auf meiner Spurensuche entdeckte ich in der Gedenkstätte Seelow die Fotoausstellung des Geschichts- und Heimatvereins Gusow-Platkow e.V. “Spuren hier und da: 1945/2020” mit einer Aufnahme eben dieser Eichen. Wenn man sie nämlich genau betrachtet, findet sich auf Augenhöhe der alten Stämme auf einer Seite eine waagrechte Linie, die sich in der Mitte öffnet, ähnlich der Form eines Auges. Es sind vernarbte “Fallkerben”, die eine besondere Art des Erinnerns zeigen. “Die Wehrmacht wollte sie eigentlich sprengen und so die Stämme kreuz und quer über die Straße fallen lassen. Dadurch sollte sie unpassierbar werden. Warum der Plan nicht umgesetzt wurde, wissen wir nicht” (Debski & Kopp, 2020, S. 38).

Die überwallte Fallkerbe im Stamm der alten Eiche

Diese Bäume zeigen etwas Besonderes: hier ist nicht “Gras drüber gewachsen” wie über die Schützengräben, in denen bei Bauarbeiten im Oderbruch jedes Jahr immer noch Schädel und ihre Helme zutage gefördert werden. Hier haben die Bäume selbst die Wunde verschlossen und sind weitergewachsen, aber die Narbe ist immer noch sichtbar.

“Ja, manches ist nicht gleich so offensichtlich und die Vielfalt, mit der sich Spuren zeigen, lässt oft nicht ihren Ursprung erahnen. Man sieht oder man sieht nichts; beides kann eine Ursache haben” (Debski & Kopp, 2020, S. 7).

Ausstellungskatalog, 10 x 20 cm

Was an den alten Eichen berührt: sie sind ein Beispiel dafür, wie Verletzung integriert werden kann, ohne unsichtbar zu werden. Nicht halb verdeckt wie ein überwuchertes Panzerkettenglied oder ein Mauerrest. Hier sieht man eine durch Menschenhand zugefügte Verletzung an der Natur, an einem pflanzlichen Lebewesen, das vormacht, wie diese Verletzung integriert und überwunden wurde. Aber: man findet diese Narben nur, wenn man erkennt, was man dort sieht und es mit dem Wissen um die Geschichte in Verbindung bringt. Sie sind Spuren für diejenigen, die sehen können – oder gelernt haben, zu sehen.

Es ist vorbei, aber nicht vergangen. (Debski & Kopp, 2020, S. 9)

Weiteres Vorgehen: die Fotos sind erst der Anfang. Die Fallkerben wollen zeichnerisch umgesetzt werden – eine andere Art der Annäherung an ihre Geschichte. Bei einem weiteren Besuch plane ich, sie mittels Frottage abzunehmen. Die Struktur der überwallten Kerben direkt auf das Papier zu übertragen, ihre Oberfläche tastend zu erkunden. Diese geplante Frottage würde die körperliche Dimension der Spurensuche verstärken – das Nachfahren der Narben mit dem Stift, das Spüren ihrer Erhebungen und Vertiefungen. Eine Form des “verkörperten Wissens”, das über das Visuelle hinausgeht.

Die Fallkerben zeigen ein Modell des Umgangs mit traumatischen Eingriffen: nicht verdrängen, nicht überwuchern lassen, sondern integrieren. Die Wunde wird zum Teil der weiteren Lebensgeschichte, bleibt lesbar für diejenigen, die verstehen wollen. Vielleicht ist das eine wichtige Lektion für alle Formen der Aufarbeitung – persönlicher wie kollektiver Geschichte. Die Narben müssen nicht verschwinden, um Heilung zu ermöglichen. Sie können sichtbar bleiben und trotzdem überwunden werden.

Literatur

Debski, K., & Kopp, A. (o.J.). Spuren hier und da: 1945/2020. Katalog zur Fotoausstellung [Vorwort]. Geschichts- und Heimatverein Gusow-Platkow e.V.