10 Jun Linolschnitte
Kürzlich hatte ich das Vergnügen, den Künstler Hartmut Hornung zu besuchen, mit ihm mein Konzept zu besprechen und erste Arbeiten in seiner Druckwerkstatt mit ihm umzusetzen. Es war eine verregnete, überraschend kühle Woche im Juni, in der sich wunderbar gemütlich bei knisterndem Ofenfeuer an den Linolplatten schneiden ließ. Das Entstehen der Linolschnitte hat dabei etwas Meditatives, ähnlich dem Abtippen des Tagebuchs: die gleiche Langsamkeit, die gleiche Konzentration auf jeden einzelnen Schnitt, jeden einzelnen Buchstaben. Durch die Verlangsamung entsteht ein besonderer Raum der Aufmerksamkeit, jede Kerbe, jede Linie muss überlegt sein, kann nicht rückgängig gemacht werden – genau wie der getippte Buchstabe eine bewusste Entscheidung für oder gegen die Übernahme des Originaltextes darstellt.
Als problematisch empfand ich allerdings für mein Thema die Übersetzung in Schwarz-Weiß: der Vorgang der Reduktion ist dabei genau die Art der Vergangenheitsbearbeitung, die ich vermeiden möchte. Zu binär, zu eindeutig, zu wenig nuanciert für komplexere (inhaltliche) Schattierung. Das strikte Entweder-Oder – “Die Behauptung von Schwarz- und Weißraum”, wie Hartmut es nannte –, was ja so in der Natur nie vorhanden ist, entspricht nicht der Vielschichtigkeit, die ich in meiner Erinnerungsarbeit suche. Wo finden sich da die Zwischentöne, die Überlagerungen, die unklaren Bereiche, das Ambivalente, das (noch) Diffuse?



Drei A5-Linolschnitte, gedruckt auf 20 x 30 cm
Aktuell experimentiere ich daher mit Wegen, das Medium zu “stören”, z.B. über Mehrfachdrucke, Farbüberlagerungen, partielle Einfärbungen der Platte, Störungen in der Platte oder die Kombination mit anderen Medien durch Übermalung und Collage. Die drei entstandenen Motive sind daher weniger Endergebnis als work in progress – Ausgangspunkt für weitere Experimente mit diesem widerspenstigen, aber faszinierenden Medium.