10 Jun Zeichnen in der Natur
Die erste Zeichnung in Rieth: eine Waldszene mit mächtigen Stämmen, Licht- und Schatten-Spiel, sich überlagernde Vegetation am Boden. Während mein Bleistift wandert, öffnen sich die Sinne von ganz alleine: das Sehen wird zum Hören – Wind in den Blättern, das Knacken der Äste, Donner in der Ferne, Vogelrufe. Um zu verstehen, wen ich da so alles höre, lade ich mir eine Bestimmungsapp auf´s Telefon. Und – zack: ein Bluthänfling, eine Rabenkrähe, ein Finis (von dem ich noch nie etwas gehört habe), ein Bienenfresser und ein Zilp-Zalp. Ich sehe keinen der Anwesenden, aber ihre Rufe umgeben mich. Nach einer Weile gesellen sich noch eine Dohle und eine Ringeltaube hinzu, in der Luft der Geruch von feuchter Erde, Moos und frischem Regen.



Bleistift- und Graphitzeichnungen auf Papier, 20 x 30 cm
In Rieth tickt die Uhr langsamer. Umgeben von dieser satten Natur erscheint mir alles kraftvoller, irgendwie mächtiger – weniger Zivilisation, mehr ursprüngliche Kreisläufe. Statt Straßen und Autos: Vogelgezwitscher und Farne. Und eine fast mühelose Verbindung zu Opas Beschreibungen des Warthebruchs: des Ursprünglichen, scheinbar Zeitlosen – oder aus der Zeit Gefallenen.




Sketchbook, 15 x 20 cm
Dabei zwingt einen das Zeichnen vor Ort zum Verweilen, zum wirklichen Wahrnehmen und zur Verlangsamung – ähnlich wie beim Abschreiben des Tagebuchs oder dem Carving der Linolschnitte. Hier im Wald entsteht jeder Strich im direktem Dialog mit dem Gesehenen, Gehörten, Gespürten, so wird das Zeichnen zu einer Form des “embodied thinking” (Jung 2015). Auf meinem Klapphocker im Wald inmitten unbekannten Knackens, Raschelns und Knisterns geschieht, was sonst nur so schwer möglich ist: mit und durch den Körper zu denken und zu den Wissensanteilen zu gelangen, die – vielleicht schon seit Generationen – im Körper abgespeichert sind.