Zwischen den Zeilen - FLAUMRAUM
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Zwischen den Zeilen

Was passiert eigentlich, wenn man den Spuren toter Buchstaben folgt? Wenn Handschrift plötzlich zur Landkarte wird für Begegnungen, die eigentlich unmöglich sind? Vor Jahren habe ich das Tagebuch meines Opas an mich genommen, seitdem lag es gut verpackt im Regal. Darin finden sich Erinnerungen an das Wartheland seiner Kindheit, sein Aufwachsen im Brandenburg zwischen den beiden Weltkriegen, sein Studium in Landsberg, Militärdienst, Kriegseinsatz, Vertreibung und Neuanfang. Ich habe mehrmals versucht, es zu lesen, aber es war zu schwer, zu dunkel im Wissen um das Ende. Bis ich eine Lösung fand.

Das Tagebuch meines Großvaters

Der Erste Schritt: Antworten. Das Antworten war der Schlüssel. Anstatt nur zu lesen und das Gelesene bleischwer in sich zu fühlen, schrieb ich zurück. So entstanden Briefe rückwärts durch die Zeit. “Eine Bank in der Nachmittagssonne am Waldrand – mit Opa” – so ein Gespräch hätte es vielleicht geben können. Oder sollen. Durch die Antwortbriefe wurde das Lesen für mich möglich, als hätte sich ein Schutzraum gebildet: der Rahmen für ein Gespräch, das so nie stattgefunden hat.

Gesammelte Antwortbriefe

Der zweite Schritt: Ordnen und Bewahren. Indem mir das Lesen möglicher wurde, entstand der Wunsch, das Tagebuch auch für Andere zugänglich zu machen, es abzutippen für die Familie, zu ordnen und zu erhalten. Dann, beim Abtippen der Seiten, geschah etwas Unerwartetes: Ausdrucksweise, Pausen, Satzzeichen, Gedankenstriche –, hastig geschriebene Zeilen oder Seiten in Schönschrift, die für die Nachwelt gedacht waren –, der ganze Duktus des Geschriebenen ließ seine Persönlichkeit greifbar werden, als würde die Langsamkeit des Tippens einen Raum eröffnen, in dem seine Stimme plötzlich hörbar wird.

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